AUSSTELLUNGSPROJEKT
BONIFATIUS
DER APOSTEL DER DEUTSCHEN
KUNSTHALLE
ERFURT
In meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter
Kommunikationssysteme. Diese reichen von der vorgeschichtlichen
Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung. Sie
stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der
Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei
steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht
deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutung.
Bonifatius (ursprünglich Wynfrith/Winfried) wurde 675 in Crediton
(?) Wessex als Sohn eines reichen Gutsbesitzers geboren. Mit sieben
Jahren kam er ins Kloster nach Exeter und kurz darauf ins
Benediktinerkloster Nhutscelle. Er wurde dort zum Priester geweiht gab
aber seine bevorstehende glänzende Laufbahn auf und zog 716 mit
anderen Mönchen nach Friesland. Er wollte hier missionieren, blieb
aber erfolglos. Er reiste 718 nach Rom, um die Unterstützung des
Papstes für sein missionarisches Wirken zu erhalten. Am 15. Mai
719 bekam er von Papst Gregor II die Ernennungsurkunde zum Prediger
unter den Heiden. Zugleich wurde ihm der Auftrag erteilt in dem bereits
als christlich geltenden Land Thüringen die bestehende Kirche zu
reformieren, zu organisieren und Rom unterzuordnen. Er missionierte in
Friesland und Niedersachsen. Bei seiner zweiten Reise nach Rom erhielt
er von Papst Gregor II am 20. November 722 die Weihe zum
Missionsbischof. Auf seiner Rückreise suchte er den
Frankenkönig Karl Martell auf, der ihn als Bischof anerkannte und
ihm einen Schutzbrief ausstellte. Er begann nun von neuem seine
Missionstätigkeit, diesmal bei den Katten (Hessen). Das Gebiet der
Katten gehörte zwar zum Frankenreich, aber sie kämpften immer
noch für ihre Unabhängigkeit von den Franken. Sie waren gegen
das Christentum als die Fränkische Staatsreligion, um ihre
Unabhängigkeit zu bewahren. Bonifatius jedoch gelang es 722, durch
die Fällung des Stammesheiligtums der Katten, der dem Donar
geweihten Eiche bei Geismar, Hessen für den neuen Glauben zu
erobern. Dies geschah im Schutz der fränkischen Besatzung der
nahen Büraburg (Fritzlar) an der Eder, der Grenze zwischen Franken
und Sachsen. 724 zog er nach Thüringen und missionierte hier
erfolgreich. Er gründete in Ohrdruf ein Kloster und regelte die
kirchlichen Verhältnisse in Thüringen nach römischer
Vorschrift. Er wurde von Papst Gregor III 732 als Missionsbischof
bestätigt. Nach seiner dritten Romreise begann er 739 mit der
Errichtung der Bistümer. Unter anderem gründete er 741 das
Bistum Würzburg, das Mainfranken und das südliche
Thüringen umfaßte, und bestimmte Erfurt zum
nordthüringischen Bischofsitz. Als der Versuch, die
fränkische Kirche zu reformieren und unter die Oberhoheit von Rom
zu bringen scheiterte, zog er sich auf seinen Bischofsitz in Mainz
zurück. 752 legte er sein Bischofsamt nieder und zog 753 nach
Friesland. Bei seiner Missionierung dort wurde er mit seinen
Gefährten 754 erschlagen.
Thor (skandinavisch)/Donar (germanisch) – der indogermanische
Himmelsgott ist zugleich Gewittergott mit dem Blitzhammer. Sein
Baumsymbol ist die Eiche. Gott der Gemeinschaft, der Fruchtbarkeit,
Beschützer derer, die das Land bestellen, und der lokalen
Versammlung. Sein Erkennungszeichen ist der Hammer als Symbol für
Blitz und Donner, die seinen Weg durch den Himmel markieren. Der sehr
populäre Gott wird als übergroße, jedoch vertraute
Gestalt dargestellt, der in einem Wagen fährt, vor den Ziegen
gespannt sind. Wenn er in seinen Bart bläst, entstehen Blitze, er
hat glühende Augen, eine ungeheure Stärke und kann
schrecklich zornig sein. Er bringt Regen, vertreibt den Frost und
zerschmettert die Eisriesen. Auf Gedenksteinen ist häufig ein an
einem Seil befestigter Hammer (Thorshammer) zu sehen, den er gegen
seine Feinde schleudert oder auf ihren Kopf niederfahren
läßt. Mit Thor/Donar verbinden sich verschiedene
Fruchtbarkeitskulte, die bis in die Jungsteinzeit nachweisbar sind.
Nach ihm ist der "Donnerstag" benannt.
Zwei Zeichen habe ich für meine Ausstellungsbeteiligung in der
Städtischen Galerie Erfurt ausgewählt. Es ist erstens das
Kreuz, hier als Zeichen für den christlichen Glauben. Es
begleitete Bonifatius bei seinen Missionierungen als Zeichen seines
Glaubens in seiner mittelalterlichen Bedeutung des Sieges über die
Mächte der Finsternis. Es ist zweitens Thorshammer als
Hauptkultzeichen des Himmelsgotts, das Zeichen seiner Stärke und
Macht, aber auch Heils- und Fruchtbarkeitszeichen. Beide Zeichen stehen
auf weißem Grund, der universellen Farbe aller Religionen. Das
christliche Kreuz hat die Farbe goldgelb als heiligste Farbe für
die göttliche Offenbarung in der mittelalterlichen Farbsymbolik.
Thors/Donarshammer hat die Farbe Rot als Farbe der germanischen
Wettergötter, die mit roten Haaren dargestellt werden, Rot gilt
zudem als die Farbe des Feuers und Blitzes. Beide Zeichen werden von
mir interpretiert, bearbeitet und auf ein einheitliches Format von 70 x
70 cm übertragen.
Für die Erfurter Bonifatiusausstellung habe ich zwei graphisch
ähnliche Zeichen ausgewählt. Es sind die Hauptzeichen zweier
unterschiedlicher Religionen, die sich um das 8. Jahrhundert in
"Germanien" gegenüber standen. Auf der einen Seite standen die
Katten, die mit ihrer Naturreligion auch ihre kulturelle Eigenheit und
ihre Unabhängigkeit von den Franken bewahren wollten. Auf der
anderen Seite kämpfe Bonifatius, der seinen Glauben, als den in
seinen Augen überlegenen, den "Heiden" bringen wollte. Dabei
konnte er sich der Unterstützung der Franken sicher sein. Die
Annahme des Christentums, der fränkischen Staatsreligion, durch
die Nachbarvölker half ihnen bei deren Unterwerfung und
Assimilierung.
Johannes Senf
Köln 2003
JOHANNES
SENF
Der
in Thüringen geborene, heute in Köln lebende Künstler
Johannes Senf untersucht und vergleicht in seiner Arbeit Zeichen
abstrakter Kommunikationssysteme – von Besitz- und Clanzeichen
aus der Steinzeit und dem Mittelalter bis hin zu modernen
Computerflußdiagrammen. Auslöser für diese Orientierung
war die Faszination, die er gegenüber der Fülle chinesischer
Schriftzeichen im Stadtbild von Hongkong empfand. Seitdem erkundet er
Zeichensysteme aller Art: alte und geheime Alphabete, Zeichen aus dem
Handwerk, dem Bergbau oder der Alchemie. So bilden beispielsweise alte
Schriftzeichen wie die 24-teilige Buchstabenschrift der Phönizier,
die 22 Tafeln umfassende hebräische Quadratschrift, nomadische
Brandzeichen für Tiere oder auch verschiedene Trigramme des I-Ging
die Ausgangspunkte und Bearbeitungsgegenstände für ganze
Werkserien. Dabei interessiert er sich einerseits für die Herkunft
der Zeichen und ihre durch den Kontext vermittelte Bedeutung,
andererseits gilt seine Aufmerksamkeit der Zeichengestalt. Diese
konstruiert er für seine Zwecke aus linearen geometrischen
Grundformen wie Punkt und Linie, Waagerechte, Vertikale, Diagonale,
Kreis und Quadrat gleichsam neu.
Um verschiedene Zeichensysteme anschaulich miteinander vergleichen zu
können, hat Johannes Senf bestimmte konzeptuelle Vorgaben
entwickelt, die er selbst als "Versuchsanordnung" bezeichnet. Dazu
zählt er vier Rahmenbedingungen: 1. Das Trägermaterial ist
immer Papier. 2. Das Grundformat für jedes einzelne Zeichen ist
ein Quadrat. 3. Die Linienstärke eines Zeichens ist konstant. 4.
Mehrere Linien des Zeichens berühren den Formatrand. Die
Grundfläche der Zeichen wird mit mehreren Acryllasuren
präpariert, wobei der Pinselduktus sichtbar bleibt und so ein
Wechselspiel zwischen dem malerisch rhythmisierten Grund und dem exakt
konturierten Zeichen darüber erzeugt. Die Anzahl der Blätter
einer Werkgruppe richtet sich nach dem jeweiligen Zeichensystem und der
Auswahl, die Senf daraus trifft. Außerdem arbeitet er mit einer
spezifischen Farbsymbolik, mit der er auf die kulturelle Einbindung
seiner Zeichen verweist.
Natürlich ist die Zuordnung von Bedeutung zu Schriftzeichen
(Piktogramme nutzt er nicht) arbiträr, d. h., sie folgen einer
bestimmten, kulturell eingeübten Konvention. Wer sich nicht (mehr)
selbst in den Kontexten bewegt, in denen diese Zeichen dem
kommunikativen Austausch dienten (wie bei sogenannten toten Sprachen),
wird zwangsläufig mit eingeschränktem Verständnis und
Mißdeutungen leben müssen. Anderseits stimuliert das
Geheimnis um ihren Gehalt zu neuen, assoziativen Deutungen. Auch das
ist das Feld von Johannes Senf.
Oft arbeitet Senf auf bestimmte thematische oder ortsspezifische
Projekte hin; so auch im Fall von Bonifatius und der mit ihm
thematisierten Fällung einer heiligen Eiche als Ausgangspunkt der
Erfurter Ausstellung. In diesem Fall hat er jedoch keine Schriftzeichen
ausgewählt, vielmehr konfrontiert er zwei
allgemeinverständliche Symbole miteinander: das christliche Kreuz
und den Thorshammer als Attribut und kultisches Zeichen für den
altgermanischen Gott Thor/Donar. Viele dieser Thorshämmer hat man
in Form von Halsbandanhängern aus der Wikingerzeit in Skandinavien
gefunden. Sie mögen als magische Zeichen und Amulette gedient
haben. Das Kreuzzeichen hat Senf zentriert, womit gestalterisch die
größtmögliche Stabilität und Ruhe erzeugt wird.
Dagegen eignet dem Zeichen Thorshammer eine starke bildnerische
Dynamik, die aus dem Kontrast zwischen leeren Flächen unten und
Formkonzentration oben herrührt. Beide Zeichen stehen auf
weißem Grund. Die Figur des christlichen Kreuzes hat er goldgelb
gefaßt, der Farbe für die göttliche Offenbarung in der
mittelalterlichen Farbsymbolik. Das Rot des Thorshammers ist dagegen
hypothetisch und assoziativ gesetzt: als Farbe der germanischen
Wettergötter, die mit roten Haaren dargestellt wurden, und als
Farbe des Feuers und Blitzes, auch der Fruchtbarkeit, für die
Donar verantwortlich stand. Daß potentiell in diesem Zeichen ein
Baum ebenso symbolisierbar wäre wie das Kreuz Christi,
läßt das Antagonistische der legendären Begegnung
zwischen Bonifatius und der Donar-Eiche nicht mehr so endgültig
erscheinen wie in der Vita Bonifatius herausgestellt.
Prof. Dr. Kai-Uwe Schirz (Direktor der Kunsthalle
Erfurt)
Erfurt 2004