AUSSTELLUNGSPROJEKT
CURA
ANIMA
–
CURA CORPORIS
LANDSCHAFTSMUSEUM
SELIGENSTADT
In
meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter
Kommunikationsmittel. Sie umfassen Zeichensysteme von der
vorgeschichtlichen Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen
Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der
Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den
Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der
Zeichen
im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder
naturwissenschaftliche Bedeutungen.
Ein
Teil meines Ausstellungsprojekts "Gleimi Et Amicorum" für
das Kunstforum Halberstadt waren 31 Arbeiten zur Fachwerkornamentik.
Nach dem Ende der Ausstellung bewarb ich mich mit meinem Exposé
und
den Fotos der Ausstellung bei öffentlichen Kunsteinrichtungen in
den
Städten der "Deutschen Fachwerkstraße". Der Direktor des
Landschaftsmuseums Seligenstadt lud mich daraufhin ein, mein
Ausstellungsprojekt zu realisieren. Nach einem Besuch im Museum und
der Besichtigung der mir zur Verfügung stehenden
Ausstellungsräume
wurde mir bewußt, daß ich mein Ausstellungsprojekt für
diesen Ort
verändern mußte.
Den
Beginn von Seligenstadt markiert ein römisches Kastell am Verlauf
des Limes. Es wurde unter Kaiser Domitian um 90 unserer Zeitrechnung
errichtet und bestand rund 200 Jahre. 828 gründete Einhard, der
Biograph Karls des Großen, einen Klerikerkonvent, dem er selbst
als
Laienabt vorstand. Er stattete den Konvent mit einer Basilika aus,
die die Gebeine der Märtyrer Marcellinus und Petrus aufnahm. Aus
dem
Konvent ging das spätere Benediktinerkloster mit der Funktion
einer
Reichsabtei hervor. Nach dieser ersten Hochzeit und dem Niedergang
der Abtei im Dreißigjährigen Krieg kam die zweite Blüte
um 1700.
Davon zeugen heute noch die barocken Gebäude und der
Klostergarten.
Um das Kloster bildete sich allmählich ein städtisches
Gemeinwesen,
dem Kaiser Friedrich Barbarossa um 1175 die Stadtrechte verlieh.
Mit
meinem Ausstellungsprojekt für Seligenstadt möchte ich drei
Themen
aus der Geschichte des Klosters und der Stadt aufgreifen:
Das
erste Thema behandelt die Religion:
Das
Benediktinerkloster Seligenstadt wurde nach fast 1000 jährigem
Bestehen im Jahre 1803 säkularisiert. Heute ist die Klosteranlage
in ihrer barocken Gestalt ein Museum. Neben der Abtswohnung mit
Gästeunterkünften und einer Bibliothek kann man die
Klosterapotheke, das Sommerrefektorium und die Räume des
Landschaftsmuseums besichtigen. Im musealen Ambiente des ehemaligen
Klosters erinnern heute nur noch einige Ausstellungsexponate an das
religiös geprägte Leben der Mönche, das hier in
früherer Zeit
stattfand. Für das erste Thema habe ich deshalb die fünf
Hauptzeichen der fünf großen Weltreligionen ausgewählt.
Jede der
fünf großen Weltreligionen hat ihr eigenes Zeichen. Durch
dieses
Zeichen werden sie selbst und ihre Anhänger symbolisiert. Unter
ihnen versammeln sich weltweit ihre jeweiligen Anhänger. Eines
der heiligsten Zeichen des Hinduismus ist ein Sprachzeichen: die
Silbe OM. Sie ist das Zeichen für Brahma, den Unaussprechlichen.
Die Silbe symbolisiert den Urlaut der Schöpfung, das Licht der
Weisheit und der Erkenntnis, des Unerschaffenen und Ewigen. Sie stellt
Kontakt
zwischen Verehrtem und Verehrenden her. Eines der Ursymbole des
Buddhismus ist
das RAD. Es stammt aus der nichtikonografischen Zeit des Buddhismus
und es ist Sinnbild für die Lehre Buddhas. Er setzte mit seiner
ersten Predigt "das Rad der Lehre" in Bewegung. Das Rad
ohne Anfang und Ende zeigt die Vollkommenheit und die
Vollständigkeit
der Lehre Buddhas. Es ist aber auch Zeichen des Daseins und des
ewigen Kreislaufs des Lebens, das durch die Lehre überwunden wird.
Das älteste und höchste Zeichen der
jüdischen Religion ist der MENORAN, der siebenarmige Leuchter.
Sein Ursprung ist der altorientalische Lebensbaum. Dieser Leuchter
symbolisiert das ewige Licht Gottes im Universum. Seine sieben Arme
bezeichnen die damals bekannten sieben Planeten. Er ist Sinnbild des
Logos und der göttlichen Weisheit.Die
verschiedenen KREUZZEICHEN symbolisieren seit dem 4. Jahrhundert das
Christentum. Sie stehen für das Heilsopfer sowie für die
Weltherrschaft Christi. Sie sind Zeichen der Auferstehung, der
Überwindung des Todes, der Heilsgegenwart und der Heilshoffnung.
Das bekannteste Symbol für den Islam
ist der HALBMOND. Im Abendland war dieses Zeichen ab dem 16.
Jahrhundert Symbol für die islamische Welt. Ab dem Ende des 18.
Jahrhunderts wurde der Halbmond offiziell Symbol des Osmanischen
Reiches und damit zum Zeichen der islamischen Welt. Die Sichel des
neuen Mondes ist Zeichen des islamischen Glaubens und deutet das Ende
der Fastenzeit an. Auf der offenen Seite der Sichel steht die Venus,
der Morgenstern. Ihre fünf Zacken symbolisieren die fünf
Säulen
des Islam.
Das
zweite Thema behandelt die Botanik:
Gut
ein Drittel der Gesamtfläche der Abtei nimmt der ehemalige
klösterliche Nutzgarten ein. Die Benediktregeln, die seit dem 6.
Jahrhundert für die abendländische Klosterkultur prägend
wurden,
fordern, daß alle Dinge des täglichen Bedarfs innerhalb der
Klostermauern produziert und gelagert werden sollen. Dieser Anspruch
machte auch Gärten in Klöstern notwendig. Neben einem
Gemüsegarten
(hortus) gab es einen Heilkräutergarten (herbularius). Hierbei
folgte die Gestaltung wie auch in profanen Gartenanlagen den
wechselnden Moden der Zeit. Im 17. Jahrhundert setzte sich der
französische Barockgarten durch. Viele Klostergärten wurden
nun
mehr und mehr zu prächtigen Anlagen, den höfischen
Gartenanlagen
ähnlich, umgestaltet. Der Obst- und Gemüseanbau nahm aber
weiterhin
einen wichtigen Platz ein. Ein Beispiel dafür ist der
Seligenstädter
Klostergarten mit seinem von Nutzpflanzen durchsetzten barocken
Parterre. Er wurde ab 1983 bzw. 86 auf Grundlage von Quellen- und
Grabungsfunden nach und nach gemäß Struktur und Bepflanzung
rekonstruiert. Die 8000 qm Gesamtfläche wurde in acht Beete
unterteilt. Sie sind von Buchsbaumhecken und 350 Obstbäumen
umrahmt. Auf ihnen wachsen neben 8000 Blumenzwiebeln 35000
Frühjahrs-
und Sommerblumen sowie Salat-, Gemüse- und Kräuterpflanzen.
Für
das zweite Thema habe ich deshalb die Zeichen der Botanik
ausgewählt. Sie werden für die Erstellung von
Bepflanzungsplänen
bei der Planung von Garten- und Grünanlagen verwendet.
Das
dritte Thema behandelt die Fachwerkornamentik:
In
vielen der an den großen Pilger-, Handels- und Heerstraßen
des
Mittelalters gelegenen Städte blühte Handwerk und Gewerbe und
wurde
reger Handel getrieben. Der daraus resultierende Wohlstand der
Kaufleute und Handwerker veranlaßte diese, repräsentative
Bürger-,
Handels-, Zunft- und Rathäuser zu bauen. Davon zeugen noch heute
in
Seligenstadt viele reich gestaltete Fachwerkhäuser. Die
Bausubstanz
dieser Häuser ist dem fränkischen Raum zuzuordnen. Neben den
konstruktiven und stilistischen Merkmalen zeigen Fachwerke
vielfältige Zeichen, Masken, Sinnbilder, Marken, Symbole, Sinn-
und
Bibelsprüche. Die heidnische Symbolik der Zeichen, Masken und
Marken
hat ihren Ursprung im archaisch-germanischen Naturglauben. Das Wissen
darum war einerseits verbreitetes Volksgut und lag andererseits bei
den Zimmerleuten. Die Zimmerermeister führten die
Fachwerkkonstruktionen und Balkenanordnungen in Form von Runen aus.
Der bevorzugte Platz dafür war der Bereich um die Haustür,
die Wand
mit der Haustür, die Giebel oder die vier Eckständer. Dabei
wurden
die Runen nicht ohne ausdrücklichen Auftrag vom Zimmerermeister
ausgeführt, sie wurden zwischen ihm und dem Hauseigentümer
genau
abgesprochen. Hatten doch die Runen neben ihrer Funktion als
Buchstaben eines Alphabets eine weitere Bedeutung als Heils-, Bitt-
und Glückszeichen für die Fruchtbarkeit von
Feldfrüchten, Tieren
und Menschen, für Wohlstand und Erhalt des festen
Familienbesitzes.
Sie wurden aber nicht in ihre Bedeutung als Buchstaben oder Silben im
Fachwerk verwandt. Die Runen in ihrer Bedeutung als Heils- und
Glückszeichen möchte ich in meinem Ausstellungsprojekt
aufgreifen.
31 Fachwerkornamente kennen wir heute mit ihren Bedeutungen. Man
findet sie in unterschiedlichen Variationen an Fachwerkgebäuden.
Jedes
der drei Themen werde ich einem Ausstellungsraum zuordnen. Im ersten
Raum hängt das 1882 gemalte Bild "Pieta" von Anton
Settegast. Hier werde ich das Thema Religion mit fünf Zeichen
zeigen. Die Zeichen stehen in der für die
jeweilige Religion heiligen Farbe auf weißem Grund. Die Farbe
Weiß
spielt in allen Religionen eine zentrale Rolle als Sinnbild für
das
göttliche Licht. Durch alle Fenster der drei
Ausstellungsräume kann
man in den barocken Klostergarten der Abtei sehen. In ihm werde ich
das Thema Botanik mit ihren 68 Zeichen zeigen. Die Zeichen stehen in
grüner Farbe (für das Chlorophyll der Pflanzen) auf braunem
Grund
(für die "Mutter Erde"). Runenzeichen mit ihren
Bedeutungen als Heils- und Glückszeichen sind uns his heute
überliefert. Sie sind in unterschiedlichen Formen an allen
Fachwerkgebäuden Seligenstadts zu finden. Die Zeichen stehen in
dunkelbrauner Farbe (für braun gestrichene Fachwerkhölzer)
auf
kreideweißem Grund (für die gekalkte Wand). Alle Zeichen
werden für
mein Projekt von mir interpretiert, umgeformt und auf ein
einheitliches quadratisches Papierformat übertragen. In den
jeweiligen Räumen werden sie in Reihen oder Blöcken
gehängt.
Begleitet werden die Arbeiten des jeweiligen Themas durch Exponate
aus dem Bestand des Museums, wie mittelalterliche Fachwerkstücke,
botanische Schautafeln und durch die "Pieta" des Malers
Settegast.
Der
Titel meines Ausstellungsprojekts "CURA ANIMA – CURA COPORIS"
(Sorge um die Seele – Sorge um den Leib) ist das Grundprinzip der
Regeln des heiligen Benedikt. Diesem Prinzip folgten die Mönche in
der Abgeschiedenheit des ehemaligen Klosters Seligenstadt. Neben der
Arbeit am seelischen Wohl gehörte die Bewahrung der Schöpfung
zur
Arbeit am leiblichen Wohl zu ihrem Leben dort. Diesem folgen, in
ihrer räumlichen Reihung am Ausstellungsort, die drei Themen
meines
Ausstellungsprojekts für Seligenstadt Religion, Botanik und
Fachwerkornamentik. Auf diesen Weg möchte ich die Besucher meiner
Ausstellung mitnehmen.
Johannes
Senf
Köln 2007
"cura
anima – cura corporis"
Johannes
Senf aus Köln fordert mit "cura
anima – cura corporis" Nachdenklichkeit, um von ihm
interpretierten "Zeichen" nachzuspüren.
"Sorge
um die Seele ist auch Leibessorge" dieses Anliegen des Heiligen
Benedikt greift Johannes Senf mit seiner speziell für Seligenstadt
gestalteten Ausstellung auf. In den Räumen des Konventbaus der
ehemaligen Benediktinerabtei würdigt der Künstler
kulturgeschichtlich Prägendes mit hoher grafischer Qualität
und
sorgsamster Materialauswahl.
Zeichen
sind zu sehen, die in einer Zeit zunehmenden Analphabetismuses
nachdenklich Stimmen! Zeichen der großen Weltreligionen auf
erhellend weißem Grund. Botanische Zeichen in lebenspendendem
Grün
auf erdig-warmem Braun: Benediktiner gelten zu Recht als die
Gärtner
Europas, wie ein Blick aus den Fenstern der Ausstellungsräume
belegt. Auch fehlen Fachwerkzeichen in schwarz weiß nicht die
Auffordern, während eines Stadtrundgangs ihrer Bedeutung
nachzuergründen.
Achim
Zöller (Direktor des Landschaftsmuseum Seligenstadt)
Seligenstadt
2009