Imeinen
Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter
Kommunikationssysteme. Diese reichen von der vorgeschichtlichen
Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung.
Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der
Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei
steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht
deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutung.
Eines
der Ziele der Nationalsozialisten war die Schaffung einer homogenen
Volksgemeinschaft ohne eigenen Willen, Befehlen bedingungslos
folgend. Andersdenkende, Andersgläubige, Individualisten wurden
ausgesondert und verschwanden in Lagern. Ihre Namen wurden
ausgelöscht und sie wurden nur noch als Nummern behandelt. Nicht
erst in den Konzentrationslagern, sondern schon in den
Gestapogefängnissen begann die Trennung der Häftlinge und die
Einteilung in verschiedene Gruppen, wie die "Sonderaktion
Polnische Heimatarmee" oder die "Sonderaktion Action
Catholique". Markiert wurden die einzelnen Gruppen dann in den
Lagern durch ein Zeichensystem von verschiedenfarbigen Winkeln,
"Kennzeichen für Schutzhäftlinge in den
Konzentrationslagern".
Dieses Winkelsystem ist somit ein Instrument der Vereinheitlichung,
Entindividualisierung, der Ausgrenzung und der Kontrolle.
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von mir ausgewählte Winkelmarkierungen bilden die Grundlage des
Projektes. Sie werden interpretiert, bearbeitet und auf ein
einheitliches Papierformat von 47 x 47 cm übertragen. Am
Ausstellungsort werden sie dann in Gruppen gehängt. Der
Papiergrund
trägt eine graublaue Streifenlasur in Anlehnung an die
Häftlingskleidung. Darauf stehen die Zeichen in ihren
Originalfarben.
Mit
meinem Ausstellungsprojekt für die Gedenkstätte
Konzentrationslager
Langenstein-Zwieberge möchte ich an die vielen unterschiedlichen
Menschen aus Deutschland und Europa erinnern, die hier die schlimmste
und menschenunwürdigste Zeit ihres Lebens verbracht haben. Sie
wurden durch die Willkür der faschistischen Gewaltherrschaft ihrer
Individualität und Persönlichkeit beraubt. Doch Dank der
Forschungsarbeit der Gedenkstätten kann vielen der "Nummern"
unter den farbigen Winkeln ein Gesicht, ein Name und eine
Lebensgeschichte gegeben werden. Die Schicksale dieser Einzelnen und
damit die neuere deutsche und europäische Geschichte lassen sich
hier wie an vielen anderen Orten in Deutschland und Europa
aufspüren.
An diesen Orten können wir Geschichte erfahren und verstehen. Wir
dürfen unsere Augen nicht vor der Vergangenheit
verschließen, wenn
wir unsere gemeinsame Zukunft gestalten wollen.
Johannes
Senf
Köln 2003