In
meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter
Kommunikationsmittel. Sie umfassen Zeichensysteme von der
vorgeschichtlichen Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen
Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der
Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den
Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der
Zeichen
im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder
naturwissenschaftliche Bedeutungen.
Kaum
eine andere deutsche Stadt ist so lange mit jüdischer Geschichte
verbunden wie die Stadt Köln. Schon in römischer Zeit wird
eine
jüdische Gemeinde hier erwähnt in einem Erlaß Kaisers
Konstantins
aus dem Jahre 321. Seit dieser Zeit wird eine jüdische Gemeinde in
Köln immer wieder geduldet und vertrieben, ihre Synagoge aufgebaut
und wieder zerstört. Erst durch die Erlaubnis der
französischen
Stadtverwaltung können sich jüdische Bürger ab dem Jahre
1798
dauerhaft in Köln niederlassen. Eine erste kleine Synagoge wird
1804
an der Glockengasse auf einem Teil des Geländes des
säkularisierten
Klosters des Klarissenordens eingerichtet. In den folgenden Jahren
wurde durch die zahlenmäßige Größe und die
ökonomische Bedeutung
der Kölner jüdischen Gemeinde eine angemessene Synagoge
notwendig.
Abraham Freiherr von Oppenheim ließ auf seine Kosten 1857 durch
den
Kölner Dombaumeister Ernst Zwirner eine große Synagoge auf
dem
gesamten Grundstück des Klostergeländes an der Glockengasse
errichten. Diese wurde wie auch die anderen Kölner Synagogen in
der
"Reichskristallnacht" zerstört. Im Jahre 1957 wurde auf
einem Teil des Synagogengeländes an der Glockengasse die neue Oper
der Stadt Köln erbaut. Die Fundamente des vormaligen Sakralbaus
und
dessen Mikwe sind unter dem Offenbachplatz erhalten. Nur noch eine
Bronzetafel an der Seitenfront der Oper erinnert heute an die
ehemalige religiöse Bedeutung des "Raumes" an der
Glockengasse.
Mit
meinem Ausstellungsprojekt "ehemalige Synagoge" im Foyer
der Oper der Stadt Köln zu den jüdischen Kulturtagen im
Rheinland
möchte ich diese religiöse Bedeutung in Erinnerung rufen und
für
eine begrenzte Zeit an ihren ursprünglichen Ort
zurückbringen. Die
Arbeit des raumbezogenen Projektes basiert auf der Hebräischen
Quadratschrift. Diese Schrift besteht aus 22 Buchstaben und ist eine
der ältesten Schriften der Welt, abgeleitet vom phönizischen
Alphabet. Sie ist eine heilige Schrift. Laut rabbinischer
Überlieferung schrieb Jahve seine Gebote mit schwarzem Feuer auf
weißes Feuer, das in seinem Schoß lag. Versinnbildlicht ist
das bis
heute durch das rituelle Schreiben der Thorarolle (die fünf
Bücher
Mose) und der heiligen Bücher mit schwarzer Quadratschrift
(schwarzes Feuer) auf weißer Pergamenthaut von koscheren Tieren
(weißes Feuer). Erst durch die Vereinigung von beidem entstehen
Jahves Gebote und dadurch Jahve selbst. Damit wird den Buchstaben der
Quadratschrift große schöpferische Kraft verliehen. Jahve
schuf mit
seinem Wort Himmel und Erde. Wenn ein gläubiger Jude einen
Buchstaben dieser Schrift ausspricht, weckt er damit dessen
göttlichen Funken, welcher zurückkehrt in das himmlische
Zentrum/Jahve, wo dieser Funke hervorgebracht wurde. Die Werkgruppe
zur Hebräischen Quadratschrift besteht aus 22 quadratischen
Einzelblättern in der Größe von je 70 x 70 cm. Der
Untergrund ist
Papier, das weiße Lasuren über Farbschichten aus Gelb, Rot
und Grau
trägt. Dabei liegt dem weißen Untergrund der Gedanke an das
oben
genannte weiße Feuer zugrunde. Weiterhin spiegelt der
weißliche
Untergrund mit seinen Gelb-, Rot- und Grauschattierungen die Wüste
wider. Diese umgibt das Volk Israel von seinen Anfängen bis heute.
Weiß ist deshalb auch das Tischtuch am Sabbat. Es erinnert an das
an
diesem Tag vom Himmel auf die Wüste gefallene Manna. Die
abgewandelten und veränderten Buchstaben der Quadratschrift
erscheinen auf dem weißen Untergrund in der Farbe Blau. Laut
eines
alttestamentarischen Gebotes (4. Moses, Kap. 15, Vers 38–41) soll
an den vier Ecken der antiken jüdischen Gewänder eine Quaste
(Zizith) angebracht werden. Diese Quasten bestehen aus Schaufäden.
Einer dieser Fäden muß die Farbe Blau haben. Sooft der
Gläubige
diese Quasten ansieht, soll er an die Gebote Jahves denken und sie
befolgen. Heute ist das Blau in den Quasten verloren gegangen. Das
antike Gewand verwandelte sich in einen Gebetsschal (Tallit) mit vier
weißen
Quasten an den Ecken. Trotzdem blieb die religiöse Bedeutung der
Farbe Blau als Inbegriff der jüdischen Farbe erhalten, die Farbe
der
Göttlichkeit
und des Gleichgewichts zwischen Schwarz und Weiß, Tag und Nacht,
Höhe und Tiefe. Der Titel der Ausstellung lautet wie die erste
Zeile
der Thora (Genesis Kap. 1, Vers 1)
(Am
Anfang schuf Gott Himmel und Erde), in Hebräischer Quadratschrift.
Wie
oben beschrieben, will ich mit meinem Ausstellungsprojekt an die
einstige religiöse und sakrale Bedeutung des "Raumes" an
der Glockengasse erinnern. Durch seine andere Nutzung heute ist
dieser in seiner früheren Bedeutung fast vollkommen aus unserem
Bewußtsein verschwunden. Mit der Wahl der heiligen
hebräischen
Schriftzeichen und deren Farbigkeit kehrt diese Bedeutung für eine
begrenzte Zeit in diesen "Raum" zurück. Schrift und Farbe
sind Bestandteil der Thora und des Tallits, sie sind Zeichen
religiöser Gedanken und deren ritueller Handlungen, die in diesem
"Raum" einst gegenwärtig waren.
Johannes
Senf
Köln 2002