Johannes
Senf untersucht und vergleicht in seinen Arbeiten auf Papier
abstrakte Zeichen- und Kommunikationssysteme des Menschen. Das
Spektrum reicht dabei von archaischen Besitz- und Familienzeichen aus
Steinzeit und Mittelalter bis hin zu modernen
Computerflußdiagrammen.
Zeichen existieren in allen Kulturen und Zeiten und ihre Funktion
geht seit jeher über die Vermittlung eines bestimmten Bedeutungs-
oder Informationsgehalts hinaus. Aufgrund der Tatsache, daß jedes
Zeichen auf etwas verweist, ist es Teil einer elementaren
Kommunikationsstruktur. Dazu bedarf es jedoch der Kenntnis eines
bestimmten kulturellen oder fachlichen Codes, der in der Regel auf
Konvention beruht. Ohne ihn bleibt das Zeichen abstrakt und
inhaltsleer. Aus diesem Wesenszug ergibt sich jedoch eine weitere
Erfahrungsdimension: Ein Zeichen kann immer auch aus formal-
ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet und auf seine graphische
Qualität hin geprüft werden.
Fasziniert
von der Fülle chinesischer Schriftzeichen im Stadtbild von
Hongkong,
kam Johannes Senf die Idee, sich dem Thema künstlerisch zu
nähern.
Seitdem forsch er mit archäologischem Gespür nach
Zeichensystemen
aller Art: Alphabete aus fremden Kulturen, Zeichen aus Handwerk,
Technik, Elektronik, Bergbau, Schiffahrt, Meteorologie usw. Dabei
schließt er Symbole, Signale und Piktogramme von vornherein aus,
da
sie vornehmlich bildlich geprägt sind. Ihn interessieren vor allem
sprachliche Zeichen, da sie per se über einen hohen
Abstraktionsgrad
verfügen und sich oftmals auf geometrische Grundformen reduzieren
lassen. So bilden alte Schriftzeichen einen Themenschwerpunkt seiner
umfassenden Werkserien, etwa die 24teilige Buchstabenschrift der
Phönizier oder die 22 Tafeln umfassende Hebräische
Qudratschrift.
Weitere Werkserien zeigen mittelalterliche Besitz- und
Familienzeichen, nomadische Brandzeichen für Tiere oder auch eine
Auswahl verschiedener Trigramme des I-Ging.Johannes
Senf interessiert nicht in erster Linie der spezifische
Bedeutungsgehalt von Zeichen, sondern vielmehr das Wesen einer
allgemeinen Zeichenkultur. Er entlehnt die grundlegenden Strukturen
und unterwirft sie einer künstlerischen Umgestaltung. Dabei sind
Abweichende von den Vorbildern programmatisch. Er versucht keine
direkte Übertragung im Sinne einer Kopie, sondern bemüht sich
um
eine größtmögliche Objektivierung von Sprachzeichen,
womit er
gleichzeitig einen weiteren Abstraktionsgrad schafft. Um verschiedene
Zeichensysteme zu untersuchen und zu vergleichen, müssen
annähernd
gleiche Voraussetzungen vorliegen. Aus diesem Grund hat er bestimmte
konzeptuelle Vorgaben entwickelt, die er selbst in Anlehnung an
naturwissenschaftliche Untersuchungen als "Versuchsanordnung"
bezeichnet. Dazu zählt er vier Rahmenbedingungen:
1.
Das Trägermaterial ist immer Papier
2.
Das Grundformat ist ein Quadrat
3.
Die Linienstärke eines Zeichens ist konstant
4.
Mehrere Linien des Zeichens stoßen an den Rand.
Für
das Material Papier hat sich der Künstler aufgrund des engen
Bezugs
zur Schrift entschieden; es ist der klassische Träger für
Schriftzeichen. Das Quadrat steht als eine der drei geometrischen
Grundformen für das Irdische und verkörpert Unwandelbarkeit
und
Ruhe. Auf ihm kann sich das Zeichen individuell entfalten. Die
gleichmäßige Linienstärke trägt zu einer
stärkeren Flächigkeit
und weiteren Reduzierung der Form bei. Durch das Anstoßen der
Linien
an den Rand wird der gesamte Bildraum in Anspruch genommen. Das
Zeichen verhält sich auf diese Weise stark korrelativ zu den
Nachbararbeiten und tritt in seiner Außenkontur offensiv in den
physischen Umraum hinaus.Johannes
Senf schafft immer Werkgruppen. Dabei wird die Anzahl der
Einzelblätter von dem zugrundeliegenden Zeichensystem vorgegeben.
Jedes Einzelblatt lebt von der Spannung eines malerischen –
bewegten Grundes und dem exakt gesetzten, monochromen Zeichen. Der
Farbauftrag der Grundfläche erfolgt in mehreren
verschiedenfarbigen
Acryl-Lasuren. Dadurch, daß der bewegte Pinselduktus sichtbar
bleibt
und sich die differenzierte Farbigkeit in verschiedenen Nuancen und
Abstufungen zeigt, entsteht ein spannendes Wechselspiel zwischen
einem malerisch- rhythmisierten Grund und einem exakt konturierten
Zeichen. Neben einer klaren Formensprache bedient sich Senf auch
immer einer spezifischen Farbsprache, die – je nach Wahl des
Zeichensystems – inhaltliche, kulturelle oder assoziative
Verbindung eingeht. Auf diese Weise entsteht eine große
stilistische
Homogenität, welche die Zusammengehörigkeit einer Werkserie
kenntlich macht.
Ein
wesentliches Moment der Papierarbeiten ist ihr Bezug zum Raum. Der
Künstler verwendet einen starken Aquarellkarton, den er auf einen
quadratischen Träger aufzieht und der kleiner als das Blattformat
ist. Dies führt dazu, daß die Papierkanten freistehen uns
sich
klimatisch mit Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit verändern.
Durch
den Abstand zur Wand verlieren die Arbeiten an Objekthaftigkeit und
scheinen bei längerer Betrachtung vor der Wandfläche zu
schweben.
Sie verlassen die zweidimensionale Fläche und beginnen in den Raum
auszugreifen. Durch die Präsentation mehrere Arbeiten in Form von
Werkgruppen entstehen zudem differenzierte Form- und farbsprachliche
Bezüge und Korrespondenzen.
Die
vorliegende Werkserie – eine Auswahl alchimistischer Zeichen
für
Kupfer – ist eigens für die Ausstellung bei Felten &
Guilleaume entwickelt worden. Die Brücke zu dem Mülheimer
Energietechnikkonzern läßt sich dabei über die
Produktion von
Hochenergiekabeln schlagen, da sie zum wesentlichen Teil aus Kupfer
gefertigt werden. Das rötlich glänzende, weiche und sehr
dehnbare
Schwermetall ist nach Silber der beste Strom- und Wärmeleiter. Es
gehört neben Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei, Quecksilber zu den
sieben klassischen Metallen und wird in der Alchimie dem Planeten
Venus zugeordnet. Die ausgestellte Werkgruppe zeigt lediglich einen
Teil de heute annähernd 50 bekannten alchimistischen Zeichen
für
Kupfer. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Ländern, zum
Teil waren es auch Geheimzeichen. Auf einem mehrschichtigen
Farbgrund, bei dem Preußischblau vorherrscht, sind mit
Kupferpigment
die alchimistischen Zeichen gesetzt; metallig – glänzend
heben sie
sich von dem durchlässigen Blaugrund ab, bei dem sich die
Assoziation von Wasser und Tiefe einstellt.
Die
Arbeiten von Johannes Senf bewegen sich immer zwischen Abstraktion
und Konkretion – sie können sowohl gelesen als auch geschaut
werden. Wer den Code besitzt, kann die Zeichen deuten; der Nicht-
Eingeweihte konzentriert sich verstärkt auf optische Wahrnehmung.
Dabei tut sich ein Paradox auf: Wer das Zeichen entschlüsseln
kann,
fällt gleichzeitig aus der Unschuld der reinen Anschauung heraus,
denn er kann die inhaltliche Dimension nicht einfach ignorieren. Die
Zeichentafeln markieren eben jene Gratwanderung zwischen
intellektueller und visueller Erfahrung.
Maria
Tappeiner
Köln 1997