AUSSTELLUNGSPROJEKT
ZEICHEN ALS AUSLÖSER
FACO - FOTOFACHLABOR, KÖLN
zur
12. INTERNATIONALEN PHOTOSZENE KÖLN
In
meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter
Kommunikationsmittel. Sie umfassen Zeichensysteme von der
vorgeschichtlichen Felsenmalerei bis hin zur heutigen elektronischen
Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der
Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den
Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der
Zeichen
im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder
naturwissenschaftliche Bedeutungen.
Zur
12. Internationalen Photoszene Köln während der Photokina
Köln
möchte ich ein Ausstellungsprojekt verwirklichen das sich mit der
technischen Seite der Herstellung von Photos inhaltlich
auseinandersetzt.
Ein
internationales System von verschiedenen abstrakten Zeichen wird zur
Bedienung von Bildaufnahmegeräten verwendet. Es ermöglicht
Menschen
unterschiedlicher Sprachräume, diese Geräte zu handhaben,
ohne ihre
oder eine andere Sprache zu benötigen. Rund 30 Zeichen aus diesem
System wurden von mir für dieses Projekt ausgewählt. Sie
werden von
mir interpretiert, umgeformt und auf ein einheitliches Papierformat
von 30 x 30 cm übertragen. Die Arbeiten werden dann in einem dem
Publikum zugänglichen Bereich eines Kölner Profifotolabors
installiert. Mit der Wahl dieses Ausstellungsortes stelle ich einen
räumlichen Bezug zwischen den Arbeiten und der dort vorhandenen
Phototechnik sowie ihren Nutzern her. Die Ausstellung soll durch eine
Publikation dokumentiert werden. Sie wird durchgehend in
Schwarz/Weiß
gedruckt, um so eine Verbindung zur Photographie herzustellen. In ihr
werden die bearbeiteten Zeichen der Werkgruppe abgebildet. Die
Abbildungen sollen durch einen Text zur Photographie aus
kunsthistorischer Sicht erläutert werden.
Mit
diesem Projekt werden die Nutzer des Photofachlabors nicht nur als
Kunden, sondern auch als Betrachter angesprochen und auf diese Weise
mit den veränderten Zeichen konfrontiert. Die neugewonnene
Sichtweise bricht den alltäglichen Umgang mit dem
Selbstverständlichen auf und stellt ihn in Frage. Damit wird das
Altbekannte zum neuen, fremden Gegenüber.
Johannes
Senf
Köln 1997
ZEICHEN ALS FORMEN DER REINEN ANSCHAUUNG UND SINNLICHER ERFAHRUNG
ZU DEN BILDERN VON JOHANNES SENF
Im
zweiten Jahrtausend v. Chr. wurde die lineare Schrift erfunden. Die
Athener führten in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v.
Chr. das ionische Alphabet von 24 Zeichen ein. Diese trockenen Daten
sagen nichts über die Brisanz dieser genialen Erfindung aus.
Einzelnen Lauten einer Sprache, den Phonemen, wurden Zeichen
zugeordnet, aus denen man Worte, Sätze und Texte formen konnte und
wenn man es gelernt hatte, konnte, man Sprache in einer gewissen Weise
damit fixieren. Dieses Zeichensystem ermöglicht die
Überlieferung von Literatur, von Gesetzen und Glaubensinhalten
für die Nachwelt. Im 15. Jahrhundert sorgte dann Gutenberg
für die gedruckte Version, und der Reproduzierbarkeit der
geschriebenen Sprache stand die Welt offen.
Wir benutzen heute dieses Zeichensystem mit einer solchen
Selbstverständlichkeit, daß wir uns kaum über den
Abstraktionsgrad dieses Systems Rechenschaft geben. Die Folge der
Zeichen für ein Wort haben ja mit dem Gegenstand, den es
bezeichnet, ursächlich nichts zu tun. Wir haben uns in einer
Sprachgemeinschaft darauf geeinigt, einer bestimmten Folge von Zeichen
zum Beispiel die Bedeutung Baum zuzuweisen. Darüber hinausgehen
wir mit einer Fülle arbiträrer Zeichen um, die wir entziffern
können, weil wir ihre Bedeutung gelernt haben. In der Lehre vom
Zeichen, der Semiotik, ist das ganze Beziehungssystem zwischen dem
Zeichen und dem Objekt, auf das es sich bezieht, untersucht worden, was
besonders fruchtbar für die Sprache war. Für die ikonischen
Zeichen dagegen ist die linguistische Methode weniger brauchbar, und
deshalb wollen wir sie in diesem Zusammenhang auch nicht strapazieren.
Johannes Senf hat als Maler über Farbflächen und Architektur
zu den Zeichensystemen gefunden. Auslöser war ein Besuch in
Hongkong, wo er in den Schriftzeichen architektonische Elemente
aufspürte, die ihm reizten, andere Zeichensysteme zu suchen und zu
sammeln. Es sind die abstrakten Kommunikationssysteme aus den
Naturwissenschaften, aus der Geschichte, der Religion und der
Völkerkunde, denen sein Interesse gilt, wobei die Mehrdeutigkeit,
die sie in den verschiedenen Kulturbereichen entwickeln können,
für ihn besonders interessant ist. Senf transformiert diese
Zeichen in Bilder. Das Ausgangsformat ist das Quadrat, auf dem die
Zeichen sich entfalten Seine Bilder wirken auf den ersten Blick
graphisch und sehr formal. Aber dann ist der malerische Charakter
seiner Bilder unübersehbar, Sein Interesse an Farbenergie und
Farbräumen, die sich am Austausch zwischen Figur und Grund zeigen,
hat er auf diese Zeichenbilder übertragen. Der Grund ist in
zahlreichen Lasuren übereinandergetragen, und darum ist sein
Schwarz, Blau oder auch andere Farbe nie eine dichte homogene
Fläche, sondern spielt mit der Reflexion der einzelnen Schichten,
in die das Licht eindringen kann und sich ausbreitet.
Davor steht das opake homogene Gitterwerk der Zeichen, das sich in
seiner Farbe dem Thema anpaßt. Jedes ist ein Einzelbild, das
innerhalb seiner Grenzen den Raum und die Fläche ausfüllt,
und doch in seiner Grundstrucktur ähnlich den anderen, mit denen
es in der Regel präsentiert wird.
Die "Figuren" scheinen vor dem Grund zu schweben, tangieren ganz leicht
den Rand und scheinen sich wieder von ihm abzustoßen. Der sicher
geführte, nachvollziehbare Pinselduktus verleiht ihnen eine eigene
Materialität, die sich im Bezugsspiel mit dem nicht faßbaren
Grund der Lasuren potenziert.
Das Konzept der Realisation ist konstant. Das Format ist das Quadrat,
meistens in der Größe 30 x 30 oder 50 x 50 cm, das Material
Papier, und die Stärke der Linien bleibt immer gleich. Das an sich
ideale Format bestimmt die Form und die Bearbeitung der Zeichen. Sie
werden gedehnt oder gestaucht, bis sie der Bildorganisation
entsprechen. Durch diese Veränderung und Abstraktion sind sie oft
inhaltlich nicht auf den ersten Blick einzulösen. Sie gewinnen
eine eigene Bildautonomie. Ihre Schrägen, oder Dreiecke versuchen
eigene Räumlichkeiten zu evozieren, die durch den
Grenzanstoß an die Fläche zurückgebunden werden.
Als Maler versucht Senf sich auf seinen Ausstellungsraum einzulassen,
das heißt, er versucht, den Raum zu verstehen, seine Funktion zu
erkennen und ihn ein adäquates historisches Kommunikationssystem
zuzuordnen. Er arbeitet auch mit dem Bildträger, der immer Papier
ist und durch einen Befestigungsmechanismus, von der Wand absteht.
Dieser "Sockel" ist kleiner als die Bildfläche uns erlaubt dem
Papier Veränderung. Je nach Raumtemperatur oder Luftfeuchtigkeit
biegt und wölbt oder auch glättet es sich an seinen
Ränder und mit logischer Konsequenz wird dadurch der
Schwebezustand der Bilder potenziert. Das malerische Konzept verbindet
sich hier mit dem Objektcharakter der Präsentation.
Innerhalb der Kölner Photoszene hat Johannes Senf seine
Ausstellung "Fototechnik" in einem Fotofachlabor plaziert. Für
dieses Labor, wo negative und positive, fotografische und chemische
Prozesse ablaufen, die das latente Bild in Sichtbarkeit
überführt, hat er Zeichen gewählt, die auf Foto- und
Vergrößerungsapparaten als Gebrauchsanweisung zu finden
sind. Man geht davon aus, daß sie intersubjektiv
verständlich sind, also Sprachgrenzen überwinden. Es sind
Zeichen oder Codes, die sich von der Abstraktion der sprachlichen
Zeichen entfernt haben und sich den Symbolen näher. Der Kreis mit
Strahlen verweist auf die Form und die Funktion der Sonne,
Bezeichnendes und Bezeichnetes haben Signalwirkung auf den Betrachter
und verweisen auf die Ähnlichkeit mit dem Gemeinten.
Den Rezipienten, nämlich den Besuchern des Labors,
müßten die Zeichen vertraut sein, die sie auf ihren
Gräten finden können und vielleicht auch die Anwendung
für die Bedingung sind. Professionellen Fotografen werden sie
zunächst eher fremd erscheinen, weil ihre Kameras nicht mit
"Schärfesignal" oder "Autofocus" ausgestattet sind. Bei
näherem Hinsehen werden sie mit der malerischen Qualität
konfrontiert, die in den Pinselstrichen der weißen, breiten
Striche als Gesten der Hand nachzuvollziehen sind.
Die Zeichen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind
in der oben beschriebenen Form in Quadrate gestellt. Die Farbe Schwarz
für den Grund und Weiß für die Zeichen referieren auf
Schwarzweiß-Fotografie. Auch dieses Schwarz ist in vielen Lasuren
übereinandergelegt und läßt das Licht in die Schicht
eindringen. Es ergibt sich eine Verfremdung durch die
Vergrößerung, die Abstraktion und die malerische Umsetzung
der Zeichen. Einige spielen auf die außerbildliche Wirklichkeit
an, wie zum Beispiel Sonne oder Wolken. Andere leben vom optischen und
graphischen Reiz.
Allen gemeinsam sind eine geometrische Struktur und Anmutung. Kant hat
die Geometrie als eine Wissenschaft bezeichnet, die die Eigenschaften
des Raumes synthetisch und a priori bestimmt. Sie wird mit Raum und
Zeit zu den Formen der reinen Anschauung gezählt, die den
empirischen Anschauungen zugrunde liegen, also die Basis für die
Sinnlichen Erscheinungen bilden.
In den Bildern von Johannes Senf existiert ein Wechselspiel von Idee
und Anschauung, zwischen Zeichen und Bezeichnetem, zwischen
Wirklichkeit und Abstraktion.
Dem Rezipienten läßt Senf die Wahl zwischen Erkennen und
Erkenntnis. Er kann die Bedeutung finden und sich vielleicht an sie
erinnern, er kann sich von der Vorgabe lösen und die Freude der
sinnlichen Anschauung genießen, er kann aber auch beides
verbinden und in der Symbiose die Mehrschichtigkeit der Sinnebenen
entdecken, wobei er der Substanz der Bilder am nächsten kommt.
Marlene Schnelle-Schneyder
Bochum 1998